GESTAPO-Mord an vier alliierten Kriegsgefangenen in Flintbek

„Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat und gesandt, zu verkündigen das Evangelium den Armen, zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen, und den Blinden, dass sie sehen sollen, und die Zerschlagenen zu entlassen in die Freiheit.“ Jesaja 42,7 in Lukas 4/18

Die ​Erinnerungstafel in der Nähe des Tatorts einer hinterrücks durch die Geheime Staatspolizei (Gestapo) begangenen Mordaktion an der L 318 (frühere B4) in Voorde gedenkt eines in Flintbek wenig beachteten Kriegsverbrechens. Hier ereignete sich ein weiterer Tiefpunkt des menschenverachtenden NS-Regimes, das damit alle Regeln des Kriegsrechts missachtete.

Im Frühjahr des Jahres 1942 entstand südlich von Żagań (Niederschlesien, heutiges Polen)ein Kriegsgefangenen-Stammlager (Stalag) für alliierte Luftstreitkräfte, welches unmittelbar dem Oberbefehl der Luftwaffe unterstand. Anfangs wurden in dem Lager fast ausschließlich Offiziere der gegnerischen alliierten Luftstreitkräfte interniert. Ab Ende des Jahres 1942 wurde der Fliegeroffizier Squadron Leader Roger J. Bushell in diesem Lager festgehalten und gründete im Nordsektor des Stalag das sogenannte „Komitee X“. Aufgabe dieses Komitees war die Vorbereitung und Durchführung einer Massenflucht von mindestens 200 Gefangenen. Die Mitglieder dieser Gruppe begannen im Frühjahr 1943 mit dem Graben von insgesamt drei Fluchttunneln mit den Codenamen „TOM“, „DICK“ und „HARRY“. Bei den Grabungen der Tunnel wurde eine Tiefe von 8 bis 10 Meter erreicht. „TOM“ wurde von den deutschen Bewachern entdeckt und zerstört. Die Arbeiten im Tunnel „DICK“ wurden durch die Entdeckung „TOMS“ und durch Waldrodungen im westlichen Sektor eingestellt. „HARRY“ diente dann zur „Großen Flucht“. Zu dieser, die durch Roger J. Bushell geleitet wurde, kam es in der Nacht vom 24. zum 25. März 1944. Insgesamt gelangten 76 Personen in die Freiheit, bis die Flucht in den frühen Morgenstunden durch einen Wachmann des Lagers entdeckt wurde. Im Deutschen Reich wurde eine Großfahndung nach den flüchtigen Offizieren ausgelöst. Jens Mueller und Per Bergsland (Norwegen) sowie Bram van den Stock (Niederlande) gelang die Flucht in die Heimat; die übrigen 73 Offiziere wurden wieder ergriffen. Aufgrund eines Befehls Hitlers wurden insgesamt verteilt über das Reichsgebiet 50 der entflohenen Offiziere heimtückisch von Beamten der Gestapo ermordet, unter ihnen auch die vier Opfer bei Voorde.

Die vier (James Catanach aus Australien; Arnold Christensen aus Neuseeland; Nils Jørgen Fuglesang und Halldor Espelid beide aus Norwegen) wurden Ende März 1944 im Raum Flensburg aufgegriffen und sollten nach Hamburg verbracht werden. Aus einem „dienstlichen Grund“ nahm der Transport nicht den direkten Weg, sondern mit den vier Totgeweihten einen Umweg über Kiel (der Gestapo-Beamte Post wollte dort seiner Freundin eine Theaterkarte übergeben!). Während der Fahrt von Kiel nach Hamburg stoppte die Wagenkolonne zwischen Voorde und Rotenhahn. Auf einer eingefriedeten Wiese gegenüber einer scharfen Rechtskurve (alter Chaussee-Verlauf, heute in der Nähe der Einmündung des Eiderkamps in die L318) wurden die 4 Offiziere hinter einem Knick von der Gestapo erschossen. Die Leichen wurden in Kiel eingeäschert und die Urnen zurück nach Sagan gebracht. Dieses Ereignis ist bisher als der „Gestapo Mord bei Rotenhahn“ immer noch nur wenig bekannt. Unter den im übrigen Reichsgebiet Ermordeten befindet sich auch der Anführer des gesamten Flucht-Vorhabens, Squadron Leader Roger J. Bushell (1910 - 1944). Im Jahr 1945 wurden die Ereignisse von der Royal Air Force untersucht. Auch wird der Tatort dabei dokumentiert. 1947 werden schließlich insgesamt 14 Täter zum Tode verurteilt und hingerichtet, darunter auch die Mörder des Verbrechens in Voorde; unter ihnen der berüchtigte Johannes Post, Kommandant des „Arbeiterziehungslagers Nordmark“ in Kiel Russee, und Oskar Schmidt, Abteilungsleiter bei der Gestapo in Kiel.

Das Flucht-Ereignis ist 1962 in dem Film „The Great Escape“ von John Sturges u.a. mit Steve McQueen und Charles Bronson (in Deutschland gezeigt unter dem Titel „Gesprengte Ketten“) verfilmt worden. In seinem Buch „Human Game: Hunting the Great Escape Murderers“, das 2014 bisher nur in englischer Sprache erschienen ist, berichtet Simon Read über die Ereignisse in der Nachkriegszeit bei der Umsetzung des Befehls Churchills, die Mörder vor Gericht zu bringen. Bis heute fehlen von deutscher Seite aus eine wissenschaftliche Aufarbeitung der Ereignisse des „Great Escape“ sowie die Anerkennung der 50 ermordeten alliierten Offiziere als Opfer des NS-Regimes.

Dem Schleswig-Holsteinischen Heimatbund mit dem mittlerweile verstorbenen Herrn Kautzky, der sich um die Erforschung und Dokumentation der historischen Chaussee Kiel-Altona sehr verdient gemacht hat, sowie der Gemeinde Flintbek ist die 2018 erfolgte Aufstellung der Erinnerungstafel zu verdanken.